Ali Can

 

Auf dem Weg

Gleich bin ich da. Die Ampeln zeigen hier schnell grün. Plötzlich klingelt mein Handy. Es hat kein Farbdisplay aber immerhin kann ich damit telefonieren. Ich werde angerufen und ich weiß wer dran ist. Na klar, meine Mutter ist dran. Ich steige vom Fahrrad ab und schiebe es auf den Bürgersteig. Sie meint wieder einmal von wegen, ich solle mich nicht länger vor dem Ausweg der Bequemlichkeit scheuen. Stopp. Nur weil ich nicht arbeite, heißt das doch nicht, dass ich es bequem habe. Mein Zimmer ist sehr klein, schlechte Noten trage ich nach Hause, meine Schuhe haben gerade noch zwei Winter überstanden und Mutter sagt ich habe es bequem. Verdammt, kaum Platz zum Umziehen, in der
Schule bekomme ich nur Ärger und meine Schuhe sind sehr wasserdurchlässig, sodass ich schnell friere. Du hast es bequem, was weißt du schon von Arbeit und Stress? Stress ist zu wissen, dass z.b. Felix, einer aus meiner Klasse, ein sehr großes Zimmer mit einem riesigen LCD Fernseher hat, er ist in der Schule nie benachteiligt, trägt immer die neusten Markensachen und verdammt, es ist unfair. Diese immer wiederkehrenden Erkenntnisse lassen einen grausamen Sturm in mir toben. Sie verwüsten meine Laune. Wenn ich unterwegs bin, sei es in der Schule oder in der Innenstadt und mich umsehe, es ist so, als würde ich durch einen Dornenbusch gezerrt werden. In die Schule will ich eigentlich nicht, weil da alle auf einem Fleck sind und man genau sieht, wer aus welcher Ecke kommt. Nicht angenehm. Ich muss aber in die Schule, schließlich habe ich mit Bildung größere Chancen auf einen guten Beruf und somit mehr Wohlstand... So heißt es, jedoch habe ich schwerliche Zweifel, denn nur weil man Bildung hat, hat man ja nicht direkt viel Geld. Es ist so, als würdest du einem Fischer versichern, dass er mit einem großen Netz automatisch viele Fische fangen wird. Es ist nicht sicher und das macht mich völlig fertig. Meine Eltern werden bald nicht mehr da sein, wer kümmert sich da um mich? Schaffe ich das alles auch alleine? Natürlich wird niemand da sein, ich bin für mich selbst verantwortlich. Aber meine Eltern sind selbst schuld wenn ich mich eines Tages umbringe. Denn ich habe nichts, was andere haben. Lediglich ein altes Fahrrad, welches ich geklaut habe. Eigentlich klaue ich ungern, aber verdammt, ich sehe mich gezwungen. Denn mir gab man nicht nur keine Gegenstände, sondern, was mich sogar glücklichlicher gemacht hätte, keine Liebe. Mein Fahrrad ist mein Freund, denn er, kommt zu jedem Ort, in jede Situation mit, wohin ich hin will, er ist dabei und lässt mich nie im Stich. Sollte ich über Nägel fahren, wäre das natürlich was anderes. Aber so lange ich mit ihm vorsichtig umgehe, bleibt er mir auch treu. Hoffentlich wird es mir wiederrum auch nicht geklaut. Dafür bete ich, denn mehr als hoffen, kann der Mensch nicht. Ich steige wieder auf mein Fahrrad und fahre los. Ich weiß nicht wohin...

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